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STOCK11.DE

a collaborative network of composers and interpreters of contemporary music, was founded in 2002. The members found common ground in a desire to understand each other´s work and in an open disposition toward one another´s aesthetic attitudes. Thus stock11.de quite consciously decided not to formulate a comprehensive aesthetic manifesto; the intention was no more to create a "school of thought" than to establish a unified notion of style. With the type of networking that stock11.de practices, artistic commonalities and interests are instead bundled together, without sacrificing the aesthetic autonomy of the individual. In addition, the interaction of composer and performer is not simply reduced to the typical sequence of production-delivery-execution. The pieces collected on this disc emerged from close collaboration with the respective interpreters - the pianist Sebastian Berweck, the countertenor Daniel Gloger, and the violist Jessica Rona. Instead of a collection of isolated processes, stock11.de seeks continuous dialogue - a form of communication that reaches beyond the work on separate projects, keeps compositional and interpretive approaches flexible, and ensures a mutual broadening of horizons.

text: Michael Rebhahn
translation: Philipp Blume

CD 005 CD 015

www.stock11.de

german

stock11.de, 2002 ins Leben gerufen, ist ein Netzwerk, ein Zusammenschluss von Komponisten und Interpreten aktueller Musik. Gemeinsame Basis der Mitglieder ist die Lust am Verstehen der Kunst des anderen und die Aufgeschlossenheit gegenüber individuellen Positionen. Dementsprechend hat sich stock11.de ganz bewusst dagegen entschieden, eine übergreifende Ästhetik zu formulieren; es soll weder eine »Schule« gebildet noch ein weiterer Stilbegriff etabliert werden. Mit der Vernetzung, die stock11.de betreibt, werden künstlerische Gemeinsamkeiten und Interessen gebündelt, ohne die ästhetische Autonomie des Einzelnen zur Disposition zu stellen. Darüber hinaus wird die Interaktion zwischen Komponisten und Interpreten nicht auf die bloße Abfolge Produktion-Übergabe-Umsetzung reduziert. Die Stücke, die auf dieser CD versammelt sind, entstanden in enger Zusammenarbeit mit ihren Interpreten - dem Pianisten Sebastian Berweck, dem Countertenor Daniel Gloger und der Bratschistin Jessica Rona. An die Stelle jeweils isolierter Prozesse setzt stock11.de die Idee eines kontinuierlichen Dialogs - eines Austauschs, der über die Arbeit an einzelnen Projekten hinausreicht, der kompositorische wie interpretatorische Zugänge beweglich hält und die Erfahrungshorizonte wechselseitig erweitert.

text: Michael Rebhahn
translation: Philipp Blume


Süddeutsche Zeitung / März 2011

Lockere Vögel mit ernster Miene
Wo es anders tönt und tickt: Die Sound-Netzwerker der Gruppe stock11 als Phänomen und Symptom

Wer heutzutage Konzerte besucht, etwa kleinerer Ensembles mit neuer Kammermusik (wie neulich beim Berliner Festival Ultraschall), kann erleben, wie sehr es die nachrückenden Komponisten reizt, das weite, oft abgegraste Feld der partiturgerecht notierten und aufgeführten Musikstücke zu verlassen, wie sie geniale Einzelkämpfer von Bach bis Stockhausen und Rihm hervorgebracht haben. Um etwas anderes zu suchen: den Austausch, die in vernetzten Teams entstehenden musikalischen Zusammenhänge, die sich in Klangprozessen und Performances verwirklichen - im Medium von Ton, Sprache, Bild, Aktion, Video, Klangraum. Nun ist Vernetzung als Ensemble-Phänomen nichts Neues in der Musikwelt. Was sind Mitglieder von Chören, Streichquartetten oder Symphonieorchestern anderes als Sound-Netzwerker? Junge Musiker und Komponisten der SMS- und Internet-Generation sind damit beschäftigt, sich der Vernetzung auch strategisch zu stellen und konsequent mit ihr zu experimentieren. Sie fahnden kaum mehr, wie die Avantgardisten früher, nach den neuen Klangmaterialien und Klangstrukturen, sie haben ein anderes künstlerisches Existenzgefühl für sich entdeckt. Dafür bietet das seit 2002 agierende Musikerkollektiv stock11, bestehend aus Komponisten und Interpreten, das spannendste, intellektuell exzentrische Muster.
"Es bleibt eine offene Frage, wie Kunstmusik auf die Veränderung des Hörens durch die neue Gebrauchsmusik reagieren kann" - ein Problem, das die Mitglieder von stock11 beschäftigt. Einer ihrer Strategen, der Komponist Hannes Seidl, hat den zitierten Text mit "Strategien gegen das Hören" überschrieben. Seidl, Jahrgang 1977, will den Bezug zu dieser stets emotionsgeladenen Gebrauchsmusik des Alltags herstellen, mit der subversiven Absicht, "diese durch Konstruktion" zu brechen, um "den Schein einer Authentizität, einer direkt das Gefühl ansprechenden Musik verschwinden" zu lassen.
Die nächste Überlegung ist zwangsläufig die, "dass Musik, die nicht Sounddesign sein will, sich die Frage ihrer eigenen Kritikfähigkeit in Bezug auf die sie umgebende Gesellschaft stellen muss". Wenn die avantgardistischen Musiker das Ziel haben, neue Klänge etwa der spektralen Harmonik oder der Obertonreihe zu ergründen, in Abläufe und Stücke zu zwingen, so sind die stock11-Musiker jedenfalls an der Frage interessiert, "welche Ideologie hinter der Beobachtung eines Klangs als Spektrum steht". Klang und Kritik sollen sich verbinden. Aber die Sound-Netzwerker von stock11 verstehen ihr künstlerisches Wirken zugleich als "Ausdruck eines Aktes der Selbstbestimmung" (Carolin Naujocks) jenseits von Anpassungsdruck, Statusdenken und Marktwert. Und als etwas Spielerisches: Sie präsentieren sich mit ernster Miene und kommen doch als lockere Vögel daher. Wenn sie zum Konzert antreten, entführen sie ihre Hörer in ein ungewohntes, teilweise befremdliches, auf vielfache Art fast komisches Ritual, bei dem Hören und Sehen, Musizieren, Rezitieren, Singen und Produzieren von Tönen und Geräuschen eine seltsame Liaison mit Theatralik oder sogar Gymnastik eingehen kann.
Ihre Konzerte bestehen aus einer Vielzahl kleinerer Stücke, Dramoletten ähnlich, mit exquisiten Titeln und ausgesuchten Besetzungen - so zum Beispiel "schöner leben" für Countertenor, E-Piano, Megaphone, Zuspielungen, Maske & Pistole von Martin Schüttler oder "splitting 13" für Altsaxophon mit schwingendem System und Zuspielung von Michael Maierhof. "Box" für Countertenor, Viola, Klavier und Geräuschemacher von Hannes Seidl lässt hören und sehen, wie ein Komponist konkret auf das Phänomen des Sich-gehen-lassens oder des Sich-fallen-lassens reagiert: Gegenstände stürzen zu Boden und korrespondieren (nicht) mit langgezogenen Klängen von Viola und Countertenor. Jennifer Walshes "Neuer Film" besteht aus Live-Aktionen sämtlicher stock11-Mitglieder: spätdadaistische Mini-Rituale. Oder "Adieu den Adieus" von Uwe Rasch, musikalisches "Triptychon als Konzept" für Hammondorgel, Rhönrad und Keulenschwinger - Anklänge an das Absurde Theater, abgebrüht, koboldartig abwegig.
"Anker in der Realität" schrieb Komponist Michael Maierhof von stock11 über einen seiner Texte. Und in der Berliner Zeitschrift Positionen - Texte zur aktuellen Musik war sein Essay "Die Würde einer Tupperdose" abgedruckt. Die meisten Hörer, heißt es da, erwarteten von Musik, dass sie Fluchten aus der Realität anbietet und "Gegenwelt-Bedürfnisse" befriedigt. Dagegen behauptet der Autor von stock11, die Erneuerung in der neuen Musik heute sei "nur durch Einspeisung von Realität möglich" - was dazu führen müsse, dass der beklagte Abstand zum Publikum geringer würde. Die dreifache Realitätsfrage also: "Was ist Musik heute, wie kommt Musik zustande, welches sind gerade die interessanten Baustellen?" Auf einer von ihnen tummelt sich Maximilian Marcoll, Jahrgang 1981, der in "Compound Nr.4" für Violine, Viola, zwei Spieler an Alltagsgegenständen, Schlagzeug und Elektronik der Idee von Klangvernetzung folgt: der Komponist als derjenige, der aufgezeichnete akustische Alltagsszenarien bearbeitet und verdichtet. "Es geht um Anwesenheit auf so vielen Ebenen wie möglich." Die Gruppe stock11 für aktuelle Musik bietet einen Internetauftritt, wo man in Stücke hineinhören und in Texten stöbern kann - und erfährt, wie Musiker heute mit der Entstehung, Veränderung, Erweiterung, Kompression, Vernetzung der Musik befasst sind.

text: WOLFGANG SCHREIBER

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