DISPLAYCE "R" - THE WIRE 8/2005 - Edwin Pouncey

Das Coverdesign zersplitterter Typographie, welches sich wie Stücke gebrochenen Glases oder Klumpen von Splittern über das Cover verteilt, beschreibt perfekt den musikalischen Inhalt – eine scharfsinnigen Collage aus Störgeräuschen, Ambience und Noise. Nahtlos perfekt zusammengebaut von Maximilian Marcoll und Hannes Seidl, R´s neun Teile wechseln von volle Kraft elektro Power zu tröpfelnder klopf, Laptop Soundmodulation in nur wenigen Sekunden. Emotionen werden herumgeworfen wie Salat, während Klänge erforscht und zu einem schweren Cocktail gemischter Stimmungen und knisternder Atmosphären vermischt werden. Dis.playce versetzt der gängigen Formel zeitgenössischer elektronischer Musik eine Wendung zu einer anderen mehr unbekümmerten Verzerrung.
DISPLAYCE "R" - Testcard # 15 / Martin Büsser

Quietsch, rüttel, schepper, zisch. Die Nintendos haben Ausgang. Maximilian Marcoll und Hannes Seidl haben ein Elektronik-Album aufgenommen, auf dem alles nur denkbar verdichtet wurde. Atemlos. Ein Abenteuer. Es geht dabei nicht um Noise, sondern um permanentes Neueinspeisen von Klanginformation, die sich kurz darauf zu verselbständigen scheint, wild durch den Raum zuckt. Länger anhaltende, sich stetig nach einem klar erkennbaren Muster entwickelnde Passagen gibt es selten. Vielmehr wird hier Raum eröffnet für eine (scheinbare) Anarchie der Klänge. Chaos wäre hierzu die (im Kontext von Anarchie ja auch immer schon) falsche Bezeichnung. Spielfreude und Spieltrieb treffen das dann wohl schon eher.
DISPLAYCE "R" - Jan Thoben in GOON (Herbst 2005 issue)

Parzelle und Fragment /
Auf ihrem Debüt „R“ präsentieren Maximilian Marcoll und Hannes Seidl elektronische Musik, die das Resultat der Auseinandersetzung mit einer klangästhetischen Extremposition zu sein scheint. Wenngleich die Wahl des klanglichen Ausgangsmaterials jedem dogmatischen Ansatz entbehrt, so sind doch die Kompositionen durchweg geprägt von einer Stilistik der abstrakten scharfkantig-perkussiven Textur. So werden synthetisierte Klänge, aufgenommene Klänge und Orchestersamples mit Hilfe der 1985 entwickelten Software Csound oder der von Maximilian Marcoll in Max/MSP programmierten Umgebung COOPER editiert. Das Resultat entzieht sich allerdings sowohl klanglicher Referenzialität als auch spektraler Reichhaltigkeit. Vielmehr zeichnen die hinsichtlich des Frequenzspektrums extrem parzelliert angelegten Kompositionen sich durch die modulare Struktur nicht-kausaler Fragmentschichtungen aus. Der Hörer ist beständig mit dem Paradox sorgfältig inszenierter und doch unwillkürlich wirkender Ausbrüche konfrontiert; die Gefüge wanken in einer dramatischen Kipplage zwischen brachialer Geballtheit und deren iterativer Entkrampfung. „R“ ist die Beschreibung dieses Zustands in kleinen Teilen. eher.
DISPLAYCE "R" - Rigobert Dittmann in Bad Alchemy # 48

Die Konservenabteilung eines audiovisuell engagierten Bremer / Berliner Künstlerkollektivs, das sich dem Filmemachen, Herstellen von Klangcollagen und Komponieren Experimenteller Musik verschrieben hat, legte mir diese Hörprobe für die Ausrichtung ihrer postavantgardistischen Abenteuer in den Briefkasten. Dass das Auge mithören darf, zeigt schon das ins Auge fallende Klappcover im naivsuper-Team-Design. Dis.playce ist ein Duo aus Maximilian Marcoll (*1981), Schlagzeuger und ehemaligen Leiter des Ensembles für zeitgenössische Musik Lübeck, und dem Komponisten Hannes Galette Seidl (*1977, Bremen), das sich 2002 in Essen zusammentat, als beide an der dortigen Folkwang-Hochschule Komposition studierten. Der Multistipendiat und mehrfach gepreiste Seidl setzte seine Studien zwischenzeitlich im IEM Graz fort und arbeitet derzeit mit dem Ensemble Modern. Als Elektroduo operieren die beiden per Analogsynthesizer und Digital-Processing oder per Laptop und der Spielumgebung COOPER sowie weiteren Elektronikbauteilen, ein Instrumentarium, mit dem sie mit Samples, Fieldrecordings und selbst gedrehter Softzware eine Reihe von kontrollierten Geräuschex- & implosionen generieren. Jeder der 8 Tracks zeichnet sich durch einen sorgfältig gewählten Herstellungsprozess oder konkreten Materialschwerpunkt aus, beim mikrophonen R5 werden Plastikfolien & Bierdosen als Klangquellen angezapft, bei R6 dienen Wasser & Körpergeräusche als Schallfolie, bei R7 spielen Insekten eine Hauptrolle und beim gedämpften R8 zusätzlich noch pulverisierte Orchestersamples. In der Reihe R1 - R8 spiegelt sich der Materialfortschritt und die wachsende Beherrschung komplexer Noise Art. Das Abstrakte und das Konkrete werden von Anfang an energisch zur Deckung gebracht, wenn dis.playce mit düsentriebhaftem Eifer den Klangraum vierdimensional bepollockt, die Geräuschmoleküle einem Elektronenbeschuss aussetzt und harsch miteinander kollidieren lässt. Neue Musik für neue Prozesse, Sonic Fiction ganz ohne Pferdeäpfelromantik, dafür mit lang ausgefahrenen Sensoren inmitten von Elektronengewittern und Teilchenhagel.
Dis.playce - Verbindung unterbrochen? / Lars Marstaller

Wenn man vor einigen Jahren das Telefon abnahm, hörte man dieses schrille, hochfrequente Fiepen von einem Computer. Kommunikation unentschlüsselbar für Menschen. Jedesmal wenn das passierte, dachte man, seine Ohren wären ernsthaft geschädigt, und legte auf. Aber nicht dieses Mal. Dieses Mal beginnt man, zuzuhören. Das Gehirn beginnt, Muster in dem Rauschen wahrzunehmen. Man wird merkwürdig aufgesogen, wird hineingezogen und geöffnet für eine originelle neue Schichtung verzerrter Geräusch-Artefakte. Man fühlt sich wie der zerstückelte Input eines rekursiven Algorithmus, der nichts anderes im Sinn hat als Chaos zu produzieren. „R“ ist der Name des neuen Albums des deutschen Komponistenduos dis.playce, das auf dem abenteuerlustigen Kunst-Label naivsuper erschienen ist. Mit der Hilfe ihrer Laptops, selbst geschriebener Software und diversen Elektrobauteilen lassen Hannes Seidl und Maximilian Marcoll multidimensionale Welten entstehen, die von Schwerpunkten bevölkert sind, um die diskontinuierlich immer wieder aufgebrochene und durch die akustischen Gesetze der Physik und Phantasie neu arrangierte Fragmente kreisen. Geräuschquanten, weder Teilchen noch Welle. Und wenn man am Ende nach extrem langen Phasen des über dem Boden Schwebens den Hörer auflegt, dann erscheint die Welt verschwommenerweise klar.
